Pesmi v nemščini
Herr Cogito schreibt Herbert einen Brief
... du standest vor der kalten Türe des steinernen Hauses;
du trugst eine graue, verblichene Uniform, einen grauen Bart,
durchweicht vom Regen. Meine infantile Natur
– ich habe dir doch von ihr erzählt – brach ein in die düstere
Tiefe deiner baskischen Vergangenheit; ja, du warst es,
der vor der ETA geflüchtet war, ein Vergänglicher, dem
die Saufkumpanen das baskische Herz verschlungen hatten ...
Du ließest mich zugrunde gehen, nicht als Mensch, sondern
als Werkzeug deines Ruhmes, den ich für dich geschaffen hatte
und mit dir teilte. Du aber vergrubst mich in eine Welt
ewiger Riten, ins Wiederholen, so wie du meinen Namen
wiederholtest, du wiederholtest ihn solange, bis ich dein
Sklave wurde und meine Herkunft in den Trümmern
des Schiffes Tigris suchte. Deine Schwester Verachtung bewachte
mich mit flinken Augen. Ich ging – ohne zu fragen, ob
zu Recht, denn dort, wo Wasserstrudel das Gestein
unterspülen, klafft im Schnittpunkt ein Riß, ein Raum für Gnome,
ein Raum großer Ausdehnung, in dem sich die mythologische
Überlieferung sammelt. Ihr mußt du treu bleiben, also gehe –
und kümmere dich nicht um mich.
Im Namen des heiligen Käses
Ich erklomm den Berg Orlis. Ich saß auf dem Fels
und betete: „Heiliges Blut, Hundsblut, hilf mir das goldenen
Vlies zu entwirren, geschnitzt auf die Rinde armseliger
Buchenfasern. Führe mich nicht in Versuchung und sage Halvar,
dem Gotte des heiligen Käses, und seinen Söhnen, den Weißgoten,
sie sollen menschlicher mit mir umgehen. Zumindest, wenn ich
mich ins Laboratorium verschließe und nach alten Moorfunden
fahnde. Hilf mir den heiligen Käse zu finden, hilf mir,
die Reliquien zu finden und sie für schlechte Zeiten zu vergraben.
Laß mich nicht bis zum Morgen umherirren, sondern töte mich,
wie Thore seine Jünger getötet hat. Dein Wille, Hundsblut, geschehe,
wie auf Gotland, so auf Jylland, wie
in der Lausitz, so in Preußen. So wahr mir der heilige Käse
helfe!“
Der Einsiedler und der Wolf
Ein Einsiedler zeichnete eine Linie auf den Sandboden und
sagte: „Über diese Linie darfst du nicht!“ Dann zeichnete er
einen Kreis und sagte: „In diesem Kreis muß du bleiben. Du
kannst ihn überschreiten, aber nicht über die Linie.“ Ein Sturm kam,
und die Linie verschwand. Der Wolf stand im Kreis.
Kälte und Regen erschöpften ihn, doch er rührte sich
nicht. Er wußte nicht, ob die Linie auch dann besteht,
wenn sie nicht mehr in den Sand gezeichnet ist.
Der Einsiedler und das Sein
Einen Einsiedler verschüttete eine Lawine, und er wartete
unter dem Schnee auf Rettung. Doch
niemand kam. Würde sich doch wenigstens
ein Bernhardiner mit einem Fäßchen Ruhm
um den Hals blicken lassen und ihn ausscharren – so
überlegte der Einsiedler – oder könnte er doch
wenigstens glauben, daß dort oben irgendwo Gott
wohnt, der über seinem Schicksal wacht.
Und langsam wurde er sich seiner ärmlichen
Existenz bewußt, ihrer Vergänglichkeit, und wie sehr sie ihn
belastete und wie unscheinbar sie war in der Menge der
Naturerscheinungen.
Der Einsiedler schloß seine Augen.
Noch immer war er sich seiner selbst bewußt;
Er fühlte, daß ihn der Schnee von allen Seiten umgab.
Plötzlich stellte er fest, wie einfach es ist
zu leben – das erkannte er erst jetzt,
unter dem Schnee.
Der Einsiedler war still.
In seinen Gedanken kämpfte er mit
dem Schnee und der Erde.
Und die Erde drehte sich in der Bereitschaft,
ihn jeden Moment zu verschlingen.
Des Einsiedlers Beziehung zum Staat
Schon in der Steinzeit bilden sich Verhältnisse heraus,
die den Einsiedler zu einer These bringen, mit der beginnt,
eine besondere Beziehung zum Staat zu pflegen,
an König, Untertanen, Hohepriestern zu zweifeln,
seinen eigenen Kreis von Menschheit, Einsamkeit,
Niederlage und Dunkelheit zu organisieren. Weil er
lebt und fühlt wie Hunderte vergessener,
ans katalektische Licht genagelter Märtyrern, weil
er als Vorsitzender am Thron sitzt und das hölzerne Zepter
demokratisch zurückweist. Um ihn versammelt sich
eine palatale Welt: ein Hof, an dem er niemals Gott begegnet war,
ein Haus, in dem es niemanden gibt, weder Tod noch Ursünde.
Er überlegt: „Wenn ich zum Beispiel in einer Welt
um Brot bettelnder Massen lebte. Soll ich diesen
Menschen helfen? Oder soll ich sie verrecken lassen
wie Hunde?“ Da gesteht er sich ein, daß die Dummheit
durch sich selbst vernichtet wird und daß es sich
nicht lohnt dafür zu kämpfen. Und wenn er erhaben und
mutig geht, dann wird er das Leben nach dem
Tode erlangen, daß mehr sein wird als nur eine
Zellumwandlung. Mehr als ein Geschwätz in der Kälte.
Mehr als Tod oder Schall. Ein Gedanke, größer als
Dybo.
Arturs Rückkehr
Nachts sitzen Tova und ich am Meer und trinken
aus der Flasche. Wellen plätschern ans Ufer.
Ich werfe die Flasche ins Meer und falle über Tova her,
mitten in ihre dänische Brüste, zwischen denen
meine Wehmut verfliegt.
Ich bin böse, sehr böse ...
Und als meine Bosheit stärker wird,
ist es Tova egal, wohin sie uns bringt.
Hauptsache, wir machen Fahrt, wir fahren auf den Hügeln
und die Algen beißen sich in uns fest ...
Lärm. Jemand nähert sich mit einem Motorboot.
Ich stehe auf und lauere im Hinterhalt.
Als er ans Ufer tritt, erschieße ich ihn. Tova nähert
sich der Leiche und sagt: „Der Mann hat
dein Gesicht! Hast du dich etwa selbst umgebracht?“
Traurig setzte ich mich auf den Felsen. Tova beobachtet
mich. Ich glaube, sie weint leise. „Ich habe mich nicht
selbst umgebracht,“ sage ich, „sondern den Menschen
in mir.“
Kleine
Für Saija Kekolahti*
Kleine, morgen heiraten wir.
Nicht wir beide!
Deine Mutter und ich werden heiraten.
Alle heiraten.
Die anderen hören Nachrichten.
Ich bin froh, daß Mutter dich hat
und daß du nicht böse auf mich bist.
Einst als ich noch zu euch kam,
hast du mich gehaßt.
„Verschwinde!“
hast du zu mir gesagt.
Trotzdem hast du mich liebgewonnen.
Deshalb freue ich mich auch für dich, Kleine.
Du wirst doch mit uns reisen?
Wir werden spät aufwachen
und uns gemeinsam wärmen.
Wir werden auf Ausflüge gehen
mit deinem Hündchen
und am Feuer singen.
Wieder wirst du mich fragen,
warum ich dich Kleine nenne,
wo du doch schon vierzehn bist.
Hast du dich verliebt?
Was hast du gesagt?
Du würdest anstatt deiner Mutter heiraten.
Interessanter Nachmittag
Sie aß ein Weckerl*, das ich im Garten für sie pflückte,
dann gingen wir auf die Wiese Boule spielen. Ich wiederhole:
wir gingen auf die Wiese Boule spielen, so boule, so richtig
boule. So heftig und so sehr buhlten wir,
daß die Boullions von Herzen lachten.
Doch im nächsten Augenblick taten mir die Boullions
leid, so leid, daß ich aufhörte zu buhlen, und sie auch.
Ich schlug vor, im Augapfel etwas zu trinken, und wir gingen.
Wir bestellten beide kaltes Kalbfleisch. Ich lobe mich nur
ungern, aber ich trank es ex, während sie es
langsam schlürfte. Es warf sie um. Das verstand ich nicht,
denn das Kalb hatte nur elf Prozent Rind. Ich wollte sie nicht
in diesem Zustand nach Hause schleppen, also sägte ich sie
in Stücke und packte sie in den Koffer. Morgen werde ich sie
wieder zusammensetzen.
So lehrten sie mich in Litauen
Mich umfingen Tausende von Feldern.
Weite Felder von Monsunreis.
Und ich fragte mich, in wessen Nähe, Homunkulus,
bin ich da gekommen.
Ich brauche keinen Wüstenrappen zu reiten
oder Gottessterne zu zählen, ich brauche nicht
in den gesprungen Topf zu schauen, wenn man
davon ausgeht, daß ich arm bin. Es ist nicht wichtig,
ob ich dreimal ins Feuer spucke, oder ob ich Doktor
Bizon bin, oder einer, der eine Grube gräbt und hineinfällt;
nein, ich brauche überhaupt nicht auf Holz zu klopfen
und zu sagen: Zwei Propheten, eine heiße Kartoffel!
Ich darf mir auf keinen Fall was vormachen,
geschweige denn, auf einem Fuß hüpfen.
Der Mond ist leise. Farblos.
Unruhig husche ich mit den Augen vor mir her
und rauche Pfeife wie mein Großvater.
Barbara beichtet ihre Sünden
Wie eine wilde Rose wuchere ich in gequälten
Bewegungen. Bewegt von gierigen Händen, die meine
Habsburger Brust kneten, werde ich des Lebens
überdrüssig. Ich huste, ich huste. Die Gebrechen kleiner Leute
stören mein Entkleiden nicht. Ich spucke auf sie.
Tief krachen die Korallenbänder an meinem
leibeigenen Hals. Ich bin nicht Cleopatra,
nicht des Cäsars Buhle. Bin kein Salamandersumpf,
Spiegel des unkenntlichen Nichts,
bin keine nackte Märtyrerin ohne orangene Wäsche:
Ich bin nur in Tunika und Sandalen.
Ich begieße mich mit Honig und Wachs, zwischen die Brüste
gießen sie mir blubbernden Käse, auf einem besonderen
Ofen erhitzt. Und sie legen mich in Ketten, die verfluchten Kohorten,
sie verstehen nicht, daß mich die Leidenschaft zerfrißt, daß
ich jedermanns Schleier von mir werfen und für meine Kinder
beten will – halb Fisch, halb Mensch. Dann verhärten sich
meine durchstochenen Brustwarzen, und aus jeder von ihnen bricht ein
Vulkan, der eine neue Genese bewirkt, einen neuen Tod, Quelle
unablässigen Kreisens.
In dir bin ich
In dir bin ich. Ich erforsche Orte, die noch
kein Bein betreten hat. Borstiges Bein. In denen
noch keine menschlicher Fuß gewühlt hat. Häßlicher
Fuß. Ich denke nach über das Schneckenmeer und
hänge mich mit einer Hand an einen dicken Eichenast,
der nach Harz duftet; ich verschließe mich in die Baumhöhle,
ich verstecke mich zwischen verholzte Gänge,
klein bin ich, klein. Mumintroll. Ich fürchte mich zuzuschauen,
wie sich die hölzernen Wolken aufwölben, wie ihre Späne
durch die Luft fliegt, ich bilde mir ein, ich wäre ein brummendes
Flugzeug, daß über einer angegriffenen Stadt niedergeht,
oder ich wäre Doktor Bizon und pflücke
Pusteblumen, öffne sie mit den Nägeln und drücke
weiße Milch aus den Stengeln, oder ich wäre langer, langer
Speichel, der sich am Ufer des Schneckenmeeres entzündet
und durch durchsichtige Spindeln weit gegen den Horizont
gezogen ist. Dann berühre ich das blaue
Kalkhäuschen und sage, daß es sehr gut ist,
daß ich auch so eines in meinem Zimmer haben möchte. Ich
würde es auf die Zwergenuhr stellen und das Licht löschen.
Und vielleicht in deinem Kopf einschlafen.
Gute Nacht.